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Anetta Küchler-Mocny und der Zyklus für Karol Wojtyla
"Nein, dieses Thema meiner Malerei ist nicht aus frommem Katholizismus entstanden !" Für eine Polin mag diese Aussage eine andere Definition erfordern, anders gewichtet werden, als für den Kunstbetrachter, dessen Religiosität hier gar nicht auf dem Prüfstand steht.
Sie hat sich aber nun mit der Person Karol Wojtyla befasst und das Wie und Warum zieht den Betrachter in den Bann. Die von den Gemälden aufgeworfenen Fragen drängen auf Antworten. Weil aber die Formate groß und die Leinwände in einer Vielzahl sind, ist eine umfangreiche Wertung von Nöten.
( siehe auch unter Ausstellung 2009 'Oh Kalro!' )
Zu dieser Auseinandersetzung steigen zwei Personen in den Ring. Anetta Küchler-Mocny und Karol Wojtyla, der Papst Johannes-Paul, dessen Vita auch den Boxsport beinhaltet. Sehen wir beide aber nicht als Gegner, sondern eher als Sparringspartner, die über Menschlichkeit und die Kommunikation der Welt aneinander arbeiten, zur jeweiligen Verbesserung der eigenen Kondition. Mag Woityla auch nicht mehr unter den Lebenden weilen, fördert dieses Sparring doch seine Bedeutung und unterstreicht seine Person.
Das Ergebnis einer künstlerischen Arbeit ist immer die Summe des Lebenslaufes. Auf diesen müssen wir eingehen. Anetta Küchler-Mocny wurde 1970 geboren, als Polen zwischen der Solidarnosc des Lech Walesa und der rigiden kommunistischen Regierung unter Jaruzelski unruhige Zeiten mit zunächst unbekanntem Ausgang erlebte.
Als sie 1998 nach Deutschland kam, musste sie feststellen, dass ihr Abitur hier nicht anerkannt wurde, um studieren zu können. Eine Bewerbung an der Kunstakademie Münster hatte jedoch Erfolg, weil ihr Talent dort erkannt wurde. Sie studierte bei den Professorinnen Ludmilla Arseniew und Mechthild Frisch, bei der sie Meisterschülerin wurde. Ihr Fokus richtete sich auf den menschlichen Körper. Nach Anatomie und Physiognomie waren aus Figuren schnell Personen geworden, deren Gesamterscheinung der Malerin ein wesentlich weiteres Feld eröffnete, als es je eine noch so virtuose Darstellung von Körper oder Teilen davon sein konnte.
Ihr meisterlicher Umgang mit Personen und deren Umsetzung auf der Leinwand fand einen Nachweis nach der Jury-Entscheidung für ihren Auftritt im Wewerka-Pavillon am Münsterschen Aasee. Dieser wird von ausgewählten Künstlern in regelmäßigen Abständen mit besonders hervorragenden Arbeiten bespielt. Dem Künstler der Wahl werden ein Katalog und die Materialkosten für die ausgestellten Arbeiten gesponsert.
In dem großen Raum, der in der Regel für das besichtigende Publikum gar nicht begehbar ist, zeigte sie keine vorgefertigten Arbeiten, sondern beherrschte die Situation ohne Kunst mit einem Konzept des "Work in Progress". Die Vernissage der Ausstellung müsste man in Anführungszeichen setzen, denn man sah nur 16 leere Leinwände und hörte ein Versprechen. Das besagte, dass die Malerin im Ausstellungsverlauf die weißen Flächen mit Porträts von 16 Personen versehen wird, die ihr im Pavillon Modell stehen sollen. Hat die Entstehung des Kunstwerkes sonst vor der Präsentation statt gefunden, meisterte sie hier den Raum mit ihrer Performance der Schöpfung und beteiligte die Modelle als Akteure.
Wie oft mögen ihr 16 leere, weiße Leinwände im Traum erschienen sein, wie oft die Angst vor dem Versagen ? Wie den Weg finden, mit dem Versprechen fertig zu werden ?
Die Lösung war die Kunst, sich als Performerin zu präsentieren und die Freunde in ihre Performance zu integrieren. Für die Zeit der Aktion war ihr der Werwerka-Pavillon nicht nur Atelier, sondern eine Gesamtinstallation, in die auch Zuschauer, die Malerei betrachtend, einbezogen worden sind.
Wenn Fluxus fließend bedeutet, hat hier im Sommer 2004 der Fluss von Malerei und Performance in eine Installation über einen Zeitraum von fünf Wochen flüssig stattgefunden.
Anetta Küchler-Mocny arbeitet sich an großen Aufgaben ab, die sie sich selbst stellt und immer wieder auch bewältigt. Sie kennt den Zeitpunkt der Fertigstellung, setzt diesen für sich als Vorgabe fest und schafft ein Ergebnis, das als sich als Arbeit abgerundet darstellt und in seiner Aussage die Geschichte zu Ende erzählt.
Vor dem Beginn, die Geschichte Polens mit der Person des Johannes-Paul auf zu zeigen, muss sie wohl tief durchgeatmet haben und das sicher über Wochen. Denn hier wird die Historie bemüht, die tief hineingeht in das Polonische Gemüt, die geschichtliche Entwicklung von Demut, Gehorsam und Widerstand, von Kollektiv und Persönlichkeit und vom Aufstieg einer Person, die den Focus auf die Hintergründe tiefer Gläubigkeit einer Nation richtete und damit der Weltbewegung Katholizismus eine Richtung gab.
Anetta KMs Fähigkeiten der Malerei waren Voraussetzung für die Wirkung des umfangreichen Zyklus, der aus ihrem Konzept entstand. Die vielfachen Porträts und die Bezüge mit und um den Polnischen Papst sind 2,50 Meter hoch und machen mit etwa 20 Leinwänden in fortlaufenden Motiven ein Gesamtbild von fast 35 laufenden Metern.
Die Posen des gewählten Modells Johannes Paul sind ihr selbst dann als Porträt gelungen, wenn kein Gesicht, oft nur ein Teil des Kopfes, dargestellt ist. Allein die Haltung dieses Menschen zeugt von seiner Lebenseinstellung, von dem Dasein als Aufgabe. Es ist ihr gelungen, mit dem gemalten Gestus der Person, seine Motivation und die Mitteilung an die Welt mit Farbe nieder zu schreiben.
In der Rückenansicht, in seinem langen, weißen Ornat, erscheint seine Schulter so breit, als könne er wie Christopherus die Welt darauf tragen. Sein beschwerlicher Schritt ist erkennbar und lässt vermuten, wie die Last ihn drückt. Wenn Anetta KM hier eine solche Aussage gelungen ist, muss man unterstreichen, wie sie allein durch die gemalte Haltung der Person und die Charakter bildende weiße Kleidung dieses Ziel mit breitem Pinselstrich und Einsatz des Spachtels erreichen konnte. Das Zusammenwirken von streckenweise abstraktem Hintergrund mit lasierend aufgetragener Farbe und wenigen Strukturen und der realistischen, pastosen Malerei der Hauptperson macht das Meisterwerk. Aber dieses Porträt ist nur ein gutes Einzelergebnis aus dem großartigen Gesamtzyklus.
Der Papst, den die Künstlerin sieht, ist Demütiger und Exzellenz, ist Lehrender und Lernender, Gebender und Empfangender. Er leitet die Kirche, ist ihr Verkünder, ist Mitglied und reiht sich ein, übernimmt Aufgaben, delegiert, dient und ermahnt. In seiner figürlichen Position, in Überlebensgröße der klassischen Malerei folgend, ist seine Rolle klar abzulesen. Der respektvolle Blick der Künstlerin ist auf Körperhöhe oder von oben auf einen Papst, der nur vom Kreuz überragt wird. Er bleibt immer erkennbar, sieht man von ihm einmal auch lediglich den lila Umhang mit Kapuze und einen Teil seines weißen Hauptes.
Die Hintergrundmotive auf Anetta KMs Malereien dieses Zyklus bilden als ineinander übergehendes Gesamtbild die Basis für die Papstporträts und unterstreichen illustrierend die Aussage des jeweiligen Teils dieses großen Gesamtwerkes. Mag es hier ein morgenroter Himmel mit knospenden Zweigen sein, ist es dort die Struktur eines Raumes in dem er sich befindet, in eine Lektüre vertieft. Macht er den Eindruck eines Gestrauchelten, bietet sich das Kreuz oder ein kreuzweises Gebilde zum Wiederaufrichten an.
Im weiteren Zyklusverlauf ist nächtliche Großstadt mit schwach beleuchtetem Kirchturm erkennbar, die er scheinbar von Ferne sitzend beobachtet. Ob es jedoch wirklich eine Rückenlehne ist, die ihm Halt gibt oder ob es bereits ein Grabstein ist, der den fernen Blick zu erklären versucht, er schaut auf diese Welt. Standpunkt und Standort lassen Rückblick und Resümee vermuten oder Abwarten, welche Ergebnisse, Erkenntnisse vermittelt werden konnten.
Anetta KM schreibt mit diesem Zyklus die Geschichte. Fassen wir das Wort in der doppelten Bedeutung, wird es auch beiden Seiten gerecht.
Sie erzählt die Story dieses Mannes, der mit der Bedeutung seines Amtes und seiner Person aufstand, den Blick der Welt wieder auf sein Land zu richten, der in Bescheidenheit auf Schicksal und Priorität seiner Heimat hin zu weisen und der tiefen Gläubigkeit seiner Landsleute Ergebnis und Ziel zu vermitteln verstand.
Anetta KM zeichnet aber auch die Historie ihres Landes auf. In der Persönlichkeit dieses Mannes soll erkennbar sein, wie Nation und Volk mit Kummer, Leid und historischen Niederlagen umgehen, ungebrochen aufstehen und Bedeutendes hervorbringen konnten. An dieser Person richtete sich die Generation nach einer Geschichte der Demütigung, Gängelung, Bevormundung und der Zeit ohne Meinungs-, Presse- und Bewegungsfreiheit wieder auf. Er hat die Hoffnung auf die Freiheit des Individuums vermittelt, ohne Beurteilung von Rasse, Eigentum, Glauben oder politischer Ausrichtung. Seine Fähigkeit auf die Menschen zu zugehen, machte seine Anziehungskraft aus.
Heute ist man wieder wer in Polen, hat Freunde in der Welt, ist Mitglied in wichtigen Gemeinschaften. Karol Wojtyla ist tot. Sicher war er der wichtigste Mensch für Polen, weit vor jedem Politiker, mag der noch so viel bewegt haben.
Anetta Küchler-Mocny hat das auf Leinwände geschrieben - 2,50 Meter hoch, etwa 35 Meter lang. Es ging nicht kürzer, weil es so wichtig war.
Und ganz so religiös ist sie gar nicht.
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