|
Edmund Kieselbach Kunst der Gegenwart ist nicht automatisch Produktion von jungen, innovativen Künstlern. Keine Biennale, keine "documenta", auch keine internationale Kunstzeitschrift kommt ohne sie aus: Künstler, die Spuren hinterlassen haben, die ihrer Zeit voraus waren, die global dachten, bevor das Wort diesen Geschmack bekam, die schon früh Grenzen in der Kunst zwischen Malerei, Skulptur, Performance und Installation überwunden haben, die universell gedacht und kreiert haben.
Es hat im Ruhrgebiet große Kunst gegeben bevor man sich dort über "Zollverein" und Kulturhauptstadt definierte. Wir wollen nicht bis Ernst Osthaus, Emil Schumacher, Josef Albers und diese Generation zurückgehen. Hier haben Künstler das getan, was man dort typischerweise macht: Man arbeitet und redet nicht groß drüber. Die Arbeitsleistung kann dabei nur gewinnen. Aus der Ruhe kommen Kraft und Kreativität. So entstanden Kunstrichtungen außerhalb der bekannten, eingefahrenen Disziplinen: Lichtkunst mit einem Museum in Unna und einer wiederkehrenden Ausstellung in Lüdenscheid, Kinetische Kunst z.B. mit dem Objekt von Jean Tinguely im von Werner Ruhnau gebauten Gelsenkirchener Theater und Klangkunst außerhalb und in Zusammenarbeit mit Musik. Weil Künstlern mit solchen Projektionen bewusst war, welches Neuland sie betreten, waren sie natürlich auch außergewöhnlich animiert, bewährte Kunstdisziplinen zu nutzen und zu bespielen. Ihre Außergewöhnlichkeit garantierte auch hier hohen Innovationsgrad und Aufsehen erregende Kreativität. Die Entwicklung von neuen Arbeitsmaterialien und Mitteln zur Kunstproduktion waren nur ein Teil des weiten Feldes. Unsere kommende Ausstellung ist einem solchen Ausnahmekünstler gewidmet: Edmund Kieselbach.
Er gehörte zur Ruhrgebiets-Avantgarde, zu denen, die Querdenken in Kunst umzusetzen verstanden, Konzepte dazu hatten und ohne Umschweife zur Tat schritten. Malerei - na klar. Und wie ! Professionell und progressiv, hart an der Zeit, ungewöhnlich im Stil, den Betrachter vereinnahmend. Irgendwann war die Leinwand nicht aufnahmefähig genug. Kurzerhand wurde ein neues Medium geschaffen: Polyester, Ponal, Farbe und sicher eine ganze Hand voll unbekannter Ingredienzien schafften eine neue Arbeitsgrundlage: eine zähe Masse, in dessen weiche Oberfläche der Künstler allerlei Gegenstände eindrückte und kolorierte, deren Konturen präzise Spuren darin hinterließen. In das Kunstwerk integrierte er am oberen Ende einen Kleiderbügel und erledigte damit im Vorhinein ein zukünftiges Problem mit dem Exponat. Darin verewigte Alltagsgegenstände stammten aus Werkstatt und Küche, aus Kinderzimmer und Wundertüte. Ob sich der Autor hier als Bewahrer von Dingen verstand, die es heute mitunter schon gar nicht mehr gibt, wird erst heute hinterfragt. Einer der größten und bekanntesten Kunstsammler der Neuzeit, Peter Ludwig - Schöpfer oder Initiator der Ludwig- Museen in Köln, Düren, Koblenz und Wien - hat das scheinbar frühzeitig erkannt und eines dieser schweren, über einen Meter großen Objekte angekauft. Edmund Kieselbachs Zeichnungen stecken bei aller Präzision voller Enthusiasmus. Das verwundert nicht, waren sie doch der jeweilige Ausgangspunkt für seine wichtigsten Arbeiten, in denen sich etwas bewegte, die etwas zu sagen hatten: Kinetisch und aussagekräftig, wie er selbst. Darin musste sich etwas bewegen und Geräusche, Töne oder gar Klänge machen. Deutlich, harmonisch mit einfachen Mitteln, die in eigenem Depot vorhanden, unkompliziert zu beschaffen oder bei anderen Querdenkern entdeckt worden waren. Das waren keine Bahn brechenden Erfindungen wie von Leonardo. Eher Konstruktionen wie die von Panamarenko oder Jean Tinguely, aber niemals stumm. Eigentlich vermutet man hier einen Kunstkosmos im Sinne vom Open End der Möglichkeiten. Bei Edmund Kieselbach blieb hier die Kunst nicht in ihrer Entwicklung stehen. Über Geräusch und Bewegung führt der direkte Weg zu Musik und Bühne. Diesen Weg ist er auch gegangen. Mit Otto Piene hat er Bühnenbilder entworfen und realisiert. Mit dem Bochumer Komponisten Schönbach hat er Opern geschrieben und aufgeführt. Mit dem Pantomimen Milan Sladek hat er eine Bühneninstallation geschaffen, deren Kinetik synchron mit dessen Darstellung agierte. Utopische Räumlichkeit, von Alexander Skrjabin in Musik umgesetzt, wurde durch die künstlerische Gestaltung von Edmund Kieselbach zu einem Bühnen tauglichen Gesamtkunstwerk. Zusammenarbeit mit anderen Aktiven war dem kommunikativen Künstler stets ein erstrebenswertes Ziel. Die Künstlergruppe "Multi" mit dem Lichtkünstler Klaus Geldmacher und dem Objektkünstler Rolf Glasmeier belegt das mit Werken, die zu Preziosen der Kunst dieser Region zählen. Die Museen im Bochum und Gelsenkirchen sind im Besitz einiger dieser Werke. Eine große Gemeinschaftsaktion hätte es werden können: Für die Olympischen Spiele 1972 in München entwickelte der Künstler-Architekt Werner Ruhnau eine "Spielstraße" und lud Künstler ein, das Thema umzusetzen. Edmund Kieselbach war dabei - mit einem monumentalen Vorschlag, der natürlich Kinetik und Akustik beinhaltete. Ein für damalige Verhältnisse unglaublicher Terrorakt verhinderte Umsetzung und Vorstellung dieses Gesamtkunstwerkes, über das man sicher heute noch interessiert debattiert hätte. Im Sommer 2006 zeigte das Museum Bochum die Ausstellung "… und es bewegt sich doch" mit weltberühmten Beispielen kinetischer Kunst von Alexander Calder, George Rickey, Jean Tinguely - und Edmund Kieselbach. Es war seine letzte Präsentation. Edmund Kieselbach starb vor einem Jahr. Sein Leben war Energie, die aus seinen Arbeiten spricht. Unsere Ausstellung war noch zu seinen Lebzeiten geplant. Jetzt artikuliert sich Edmund Kieselbach durch seine Arbeiten - in Bild und Ton. Als wäre er unter uns. Dem Versuch unserer Ausstellung, einen Gesamtüberblick seines Lebenswerkes zu vermitteln, sind Grenzen gesetzt. Seine Kreationen in den "Multimediaobjekten", zu denen zum Beispiel Opern mit Namen wie "Die Geschichte von einem Feuer, "Der Sturm", "Hymnus" oder "Hysteria" gehören, können wir hier nicht zeigen. Das Museum Bochum erfasst zur Zeit Informationen von Freunden, Mitarbeitern und Partnern bei verschiedensten Unternehmungen mit dem möglichen Ziel, eine retrospektive Ausstellung vorzubereiten. Die expressionistischen Gemälde der letzten Jahre mit Frauendarstellungen in schwungvollen Posen gestisch gemalt sind Zeugnis von einem niemals ruhenden, umtriebigen Künstler, der Kinetik letztlich gemalt hat und auch Geräusche, Klänge glaubt man beim Betrachten der Bilder zu hören. Auch in Zukunft wird die Kunst Edmund Kieselbachs nicht schweigsam sein. |